Billig UND nachhaltig? Der Wettbewerb kann nicht gut und günstig.

>Lesezeit ca: 5 Minute(n)

Und schon wieder hat sich die Zahl der konkurrierenden Unternehmen in der Lebensmittelindustrie dezimiert. Durch die Übernahme der Supermarktgeschäfte Kaiser’s-Tengelmann der Unternehmensgruppe Tengelmann an den einstigen Rivalen Edeka blicken nicht nur die Verantwortlichen des Bundeskartellamtes mit Sorge auf diesen gefährlichen Trend, der sich seit einigen Jahren am deutschen Wirtschaftsstandort abzeichnet. Angesichts der schwindenden Zahl konkurrierender Großkonzerne fragen auch wir uns: Wohin steuert der deutsche Wettbewerb? Was bedeutet der erbarmungslose Verdrängungskampf einzelner Oligopole für Verbraucher und Kleinunternehmer?

85 Prozent Marktanteil in den Händen der 4 Großen

Es war angesichts der immer brisanter werdenden Neuigkeiten um jüngste Entwicklungen der Ebola-Epidemie, dem Kampf gegen ISIS und IS oder die drohende Abwertung von Dollar und Euro nur eine kleine, fast unbemerkte Nachricht: „Die Unternehmensgruppe Tengelmann gibt ihr Supermarktgeschäft auf.“ Seit Jahren kommt der Konzern mit seinen 451 Tengelmannfilialen nicht aus den roten Zahlen heraus, weshalb sich Firmenchef Karl-Erivan Haub zu diesem Schritt gezwungen sah:

„Wir sehen leider keine Perspektive mehr, unsere Supermärkte aus eigener Kraft zu einem profitablen Unternehmen zu machen“,

wird Haub im Deutschlandfunk zitiert. Mit einem Marktanteil von lediglich 0,6 Prozent habe man im Wettbewerb gegen Konkurrenten wie Rewe, Edeka oder Aldi keine Chance.

Was hier wie eine bloße Integration zweier Lebensmittelhändler klingt, kann noch gravierende Einflüsse auf den Wettbewerb der deutschen Einzelhandelsindustrie haben. Zusammen halten die großen Konzerne Edeka, Aldi, Rewe und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland mittlerweile 85 Prozent des deutschen Absatzes. Fusionen dürften damit in Zukunft schwierig werden. Was diese erstarkte Marktmacht für Verbraucher und kleinere Unternehmen bedeutet, zeigen aktuelle Entwicklungen der Branche.

Marktmacht ist gut – denken die großen Handelsketten

Mit der Marktmacht ist das so eine Sache. Wie ein Damokles-Schwert schwebt es über den Köpfen von Konsumenten und konkurrierenden Unternehmen. Die Großkonzerne wie Edeka und Rewe sehen dabei kein Problem. Marktmacht sei doch eine gute Sache für die Verbraucher, tönt es im Chor. So könne man den Lebensmittelherstellern „im Sinne der Kunden“ offensiv gegenübertreten und günstige Preise aushandeln. Fängt einer mit der Preisschlacht an, ziehen die anderen automatisch nach, wie jüngst die Senkungen der Preise für Käse und Milchprodukte zeigen. Die Verbraucher freut es selbstverständlich, wenn (erst einmal) etwas weniger für Frisch- und Scheibenkäse oder Milch bezahlt werden muss. Die Lebensmittelhändler liefern sich eine unerbitterliche Preisschlacht, denen Händler mit kleinen Marktanteilen wie Tengelmann ohnmächtig ausgeliefert sind, weil sie die ständigen Preisfluktuationen nicht dauerhaft mittragen können. Wohin dies führt, hat sich gezeigt. An wen dabei kaum jemand denkt, sind die Lebensmittelhersteller. Wie billig darf die Produktion von Fleisch und Milch denn ausfallen, um gerade noch so profitabel sein zu können?

So äußert sich Andreas Mundt, Präsident des Bundeskartellamts, kritischer zum Thema. Marktmacht sei nicht uneingeschränkt gut für den Verbraucher. Durch allzu niedrige Margen der Hersteller würden die Produzenten gezwungen, an anderer Stelle zu sparen. Und das sei nun einmal die Qualität der Ware. Ob Konsumenten darüber erfreut sind, ist stark zu bezweifeln. Genauso problematisch sieht Mundt die Konzentration der Hersteller. Um ihrerseits der Händlermacht entgegen zu treten, führe oftmals kaum ein Weg an Fusionen und Zusammenschlüssen vorbei. Der Markt in den Händen einiger weniger. Wenn es bald nur noch Oligopole gibt, kann sich der Trend auch ganz schnell umkehren. Wer sagt denn, dass die Verantwortlichen immer nur den „besten Preis“ für uns Verbraucher aushandeln? So schnell, wie die Preise fallen, können sie auch steigen, wie Kaffeeliebhaber erst kürzlich feststellen mussten.

Andreas Mundt verfolgt die Tendenzen mit Sorge. Die Marktmacht der Lebensmittelketten wird zunehmen. Das sei besorgniserregend. Kleinere Ketten können die Preiskämpfe und Konditionen auf Dauer nicht mittragen. Das Ende des freien Wettbewerbs? Die Bonner Wettbewerbshüter zumindest wollen der zunehmenden Verschlechterung der Wettbewerbsverhältnisse „konsequent entgegenwirken“. Wie? Indem die „stringente Linie, die wir in der Vergangenheit hatten“ fortgesetzt werde. Wir verfolgen das gespannt.

Nachhaltigkeit kann nicht billig sein #mqco

Im Zuge dieser Entwicklungen, des schier unaufhaltsamen Expansionskurses der Großkonzerne (Edeka eröffnet pro Jahr knapp 200 neue Filialen!), fragen sich vor allem die mittelständischen Betriebe, wie man noch Marktanteile gewinnen und am großen Tisch etwas „mitmischen“ kann. „Nachhaltige Produktion“ lautet dann das oft genannte Stichwort. Wettbewerbsvorteile durch einen ehrlichen, offenen und nachhaltigen Kurs. Doch wie realistisch ist das überhaupt? Wie nachhaltig kann billig sein – oder anders gefragt: Wie billig darf nachhaltig sein? Niedrige Preise, die gegenüber der marktbeherrschenden Industrie standhalten kann, wird doch schon intuitiv mit Massenproduktion, Fließbandfütterung und Pestizideinsatz verbunden. Auch wenn es mittlerweile zum echten Volkssport geworden ist, sein Unternehmen als nachhaltig und ökologisch auszugeben: Geiz ist noch immer geil, wie Aldi und Co. beweisen.

Der Mittelstand steht unter Zugzwang. Preis oder Qualität, lautet die Gretchenfrage. Wie im Wettbewerb mithalten? Wie Marktanteile und Kunden sichern? Wie den Absatz und damit das eigene Überleben sichern? In einem unserer älteren Artikel haben wir eingehend auf dieses sensible Thema Bezug genommen. Wettbewerbsvorteile ergeben sich dann, wenn einem Unternehmen die qualitative oder preisliche Abgrenzung gelingt. Die preisliche Abgrenzung dürfte, wie wir gesehen haben, für KMU schwierig werden. Der Schlüssel sollte also in der Qualität liegen. Dies bedarf Mut, Verstand und Vertrauen. Innovationssinn und neue Produktionswege. Wie sieht es da am deutschen Wirtschaftsstandort aus? Dazu hat Geschäftsführer Oliver Marquardt ein eher verhaltenes Bild gezeichnet. In seinem Gastbeitrag auf Business-Netz.com oder im jüngsten Blogartikel zur deutschen Unternehmenskultur zieht er eine ernüchternde Bilanz. Innovationsmut, Führungsideale, Markenstärke? Fehlanzeige.

woman-169286_1280

Quo vadis Wettbewerb?

Wohin also führt uns der Weg des Wettbewerbs? Wenn das Bundeskartellamt weiterhin nur „besorgt und kritisch“ schaut, wird die Macht der Marktführer sicher nicht geringer. Preis und Qualität werden zu Spielbällen in den Händen einiger weniger; Verbraucher und KMU zu Marionetten, den Launen und Forderungen der Großkonzerne chancenlos ausgeliefert. Quo vadis Deutschland? Quo vadis Nachhaltigkeit, muss im gleichen Atemzug gefragt werden? Wenn sich am Wirtschaftsstandort Deutschland nicht bald vom flachsigen Trott verabschiedet wird und endlich Mut und Verstand eingesetzt, mit neuer Technologie und innovativer Stärke offensiv reagiert wird, dann war’s das wohl mit den einstigen Lorbeeren Gründertum und Traditionsmarke. Dann teilt sich der Markt ganz unter den Händen der Großkonzerne auf und das Wort Wettbewerb ist bald nur noch Alibi, um den Verbrauchern beliebige Preise zu sinkender Qualität zu verkaufen.

Autor: M. Fett  & O. Marquardt

Quellen: Deutschlandfunkt

Bildquellen: flickr.com; bild.de; pixabay.com

Redaktion

Redaktion

Marquardt+Compagnie ist ein ganzheitlich denkender Markenentwickler mit Marketingkompetenz aus 10 Jahren Kommunikationsarbeit. Bei uns im Blog finden Sie verschiedene Artikel zu den Themen Marketing, Kommunikation und Markenentwicklung.

More Posts

Google+ Kommentare