Vordenker gesucht: Ein Weckruf für Experten

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VordenkerMein Resümee nach einigen Jahren onlinepublizistischer Tätigkeit im Bereich Wirtschaft, Ethik und Marketing: Es gibt zu viele selbsternannte Experten, aber zu wenig Transfer und Entwicklung. Was man als Motivation begreifen kann, oder aber als Katastrophe.

Ganzheitliche Vordenker interessieren die Wenigsten.

Wir leben im 21. Jahrhundert. Die Welt ist vernetzt und Bildung ist damit für jedermann nicht nur möglich (weil einfach), sondern auch Pflicht. Denn die Welt verändert sich rasend schnell. Sie überholt uns. Stattdessen herrscht weitreichende Zufriedenheit. Mit sich selbst, mit der Welt und mit der eigenen Meinung. Das Resultat: Mit immer gleich schmeckendem Fastfood begeistern sich Experten in ihrer Peergroup und die Fangemeinde klatscht im Takt. Inzwischen ist mir so manches Licht aufgegangen. Erst dachte ich, das ist ja ein starkes Stück! So viele wichtige Themen und so wenig Bereitschaft zur Evaluierung. Selbstkritik fällt den Menschen immer noch genauso schwer wie vor tausenden von Jahren. Da sind wir keinen Schritt weiter. Mittlerweile finde ich es aber großartig, wie einfach die Welt doch funktioniert. Schreibe ich das, was die Leute hören wollen, gibt es Applaus. Social Signals, Redaktionsanfragen und Kooperationsangebote. Kaum mischt man seine Artikel mit unbequemen Wahrheiten, offener Kritik oder ganzheitlichen Ansätzen ist das Feedback extrem verhalten. Plötzliche Ruhe im Saal der eben noch Interessierten. Zuckende Schultern. Fragende Blicke. Ganzheitliche Denke ist einfach zu anstrengend. Das will keiner lesen. Dabei ist es doch so wichtig, um sich weiterzuentwickeln. Und nun?

Bestätigung ist die Droge nach der alle lechzen!

Für mich ist das in gewisser Weise auch eine Art Dilemma. Ich will nämlich nichts anderes schreiben. Ich habe selbst mal einen Artikel darüber geschrieben, dass Mut zu Ecken und Kanten eine Marke stark machen… 😉 Ja, dafür gibt es durchaus Beweise. Charakter und klare Konturen, die Reibungspunkte ermöglichen, schaffen Aufmerksamkeit im Einheitsbrei. Überträgt man das in den Bereich des Sachblogging könnte man überraschenderweise denken: Nein! Echte Vordenker will keiner. Am Weitesten kommen immer die Einfachheit und leicht Verdauliches. Bizarr. Da kann auch gerne zum 10. Mal das Gleiche geschrieben werden. Da gibt es den 100. Artikel darüber, welche Überschriften dein Blog am Meisten rocken oder, dass Content relevant sein muss, damit man die Kunden erreicht. Buzz! Die gehypte Fangemeinde feiert. Noch eine Bestätigung, noch ein Burger, noch ein Bier. Fastfood für die Contentmassen. Die Temperatur steigt merklich. Der Hype ist in vollem Gange. Natürlich. Bestätigung ist unser aller Droge Nummer 1. Das hat die Natur so eingerichtet. Die Blüten sind bisweilen seltsam.

Experten, die sich feiern, bringen uns nicht weiter.

Selbsternannte Experten versteigen sich zu Markenphilosophen. Eben noch PR-Spezialist ist man plötzlich Taktgeber für ganzheitliche Unternehmenskommunikation. Eben noch reiner Hobbyblogger, kann man plötzlich brandheiße Tipps zum übergreifenden Onlinemarketing geben. Ja, zu den Werkzeugen vielleicht. Aber nicht zu den Werten und seiner eigentlichen Anwendungsweise. Die Grenzen in heutiger Kommunikation sind fließend. Natürlich. Aber der fachliche Output ist es nicht. Er kleckert in Bröckchen, zusammengepanscht aus Artikeln anderer. Leute, reißt euch mal zusammen! Eigene Gedanken machen, unbequem sein, zum Denken anregen und am Ende für alle etwas erreichen! Darum geht es. Lese ich doch plötzlich auch in meiner Peergroup über Werte. Eben war noch der Werkzeugkasten für geiles Content Marketing en vogue. Jetzt wird es Zeit, auch mal über Werte zu schreiben. Weiter nichts dabei. Aber schade, dass ich hier nichts Neues lese. Gewinnbringend ist das nicht.

Demut täte allen gut. Entwickelt euch weiter!

Es herrscht im Bereich Kommunikation eine merkwürdige Selbstzufriedenheit. Wo ist die Demut? Wo ist der eigentliche Auftrag geblieben? Wir, die wir über wichtiges, ja geradezu elementares Wissen verfügen, haben einen klaren Auftrag. Wir haben Verantwortung! Wir sind Teil einer Gemeinschaft, Teil einer modernen Gesellschaft. Deutschland wird jeden Tag weiter abgehängt. Ja, aber wir sind doch immer noch Fabrikausrüster Nummer 1! Und im Bereich Maschinenbau sind wir immerhin noch in den weltweiten Top5, ach und in Europa geht es uns doch noch am Besten! Wenn hier das Wörtchen „noch“ nicht wär, dann wäre Deutschland wirklich Wer. Ist es aber nicht. Wir kacken langsam total ab. Und es interessiert die Wenigsten. Warum soll ich mich um nervige Mittelständler kümmern, wo ich doch auch easy peacy für andere Experten schreiben kann? Warum sollte ich mich hinterfragen und die Richtung ändern, wenn doch alles super läuft? Weil es notwendig ist! Der Mittelstand braucht unser Wissen! Und die Experten wiederum müssen sich für die neue Bewusstseinsebene begeistern. Sie brauchen ein Korrektiv, das sie zu neuem Denken anregt. Marketing ist verstaubt ohne Ende. Auch Onlinemarketing tritt, neben neuer Werkzeuge, seit Jahren auf der Stelle. Warum also der Hype? Erst kam der Content nun merken irgendwie alle, dass Kommunikationsdiszplinen verschmelzen. Und was jetzt? Was machen wir? Wir schreiben drüber, aber wir entwickeln daraus nichts! Ist ja auch einfacher.

Vordenker, Entwickler und Humanisten gesucht.

Neulich las in der Huffington Post einen interessanten Artikel über moderne Führung. Es hieß, wir bräuchten Wertearchitekten und keine Manager. Ich fühlte mich darin bestätigt. Hier betraf es zwar vor allem den Bereich „Employer Branding“, aber es ist auch generell eine hilfreiche Sichtweise. Denn unsere Welt gerät aus den Fugen. Die fast schon zwanghafte Fokussierung auf Kapital und Ertrag unterwandern den Menschen und seine eigentlichen Bedürfnisse. Das zeigt sich auch sehr deutlich im Marketing. Warum sonst würde Content Marketing so sehr gefeiert? Werbung über Inhalt ist aber nicht neu. Wir brauchen eine generelle Rückbesinnung auf humanistische Werte und Menschen, die sich einen Kopf darum und ihre eigene Rolle in unserer Gesellschaft machen. Ich möchte an dieser Stelle auf einige mir bekannte Menschen hinweisen, die mich immer wieder inspirieren, weil sie sich Arbeit machen. Weil sie weitergehen und damit vorangehen. Prof. Dr. Christian Duncker, Dr. Detlef Matz, Marcello Camerin, Karl Kratz, Mael Roth, Marcus Riesterer, Mirko Lange, Andreas Haderlein, Andreas Quinkert und Gunnar Sohn (andere gute Gesprächspartner mögen mir verzeihen, wenn ich sie hier vergessen habe!) Sie sind Entwickler und Impulsgeber. Es gibt natürlich noch mehr, die ich nicht kenne. Ich würde gerne wesentlich mehr dieser Menschen kennen, sehen und erleben. Denn das, was ich täglich sehe ist zu wenig. Es geht nicht um Social Signals. Es geht um wesentlich mehr. Gebt Gas, liebe Experten. So bleibt mir erstmal nur, allen sich selbst feiernden Experten zu danken. Euer Stillstand ist jeden Tag auf´s Neue eine gute und erfrischende Motivation, es anders zu machen.

Expertenfeiern

O. Marquardt

Oliver Marquardt ist studierter Kommunikationsdesigner aus Hamburg. Er arbeitete als Texter in renommierten Werbeagenturen, bevor er sich als Marketing- und Kommunikationsberater für Großunternehmen selbstständig machte. Mittlerweile ist er gefragter Berater für Markenentwicklung im Mittelstand und Autor vieler Fachartikel. 2013 gründete er zusammen mit seiner Frau Katharina Marquardt das Büro "Marquardt+Compagnie" für wertebasierte Markenentwicklung in Marburg. Zum Kundenkreis zählen klassische, mittelständische Unternehmen bis 500 Mitarbeiter. Privat interessiert er sich für philosophische Fragen rund um Gesellschaft und Kommunikation, spielt Golf, produziert Musik und kocht gerne.

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